Eine angenehm kühle Brise begrüßt uns in den blühenden Gärten im Norden. Ja, wir sind immer noch in Myanmar. Und nein, damit ist nicht Mandalay gemeint. Wir waren drei Tage im Sommersitz der britischen Kolonialherren und -damen und haben uns dort wie vor 100 Jahren von der Hitze Mandalays erholt.

Mandalay – kann man machen, muss man nicht

Die meisten Reiseführer und Erfahrungsberichte hatten uns schon gewarnt: Mandalay ist kein Ort, an dem man sich zu lange aufhalten muss. Einen kurzen Zwischenstopp haben wir trotzdem eingelegt auf dem Weg von Bagan in den Norden. Und die Stadt hat alle ihre Versprechen gehalten. Es ist unglaublich heiß, stickig und dreckig. Und die Sehenswürdigkeiten sind im Vergleich zum Rest des Landes auch eher mittelmäßig. Wir haben uns bei einer Tagestour den ehemaligen Palast angeschaut (der stark an eine Miniaturversion der Verbotenen Stadt erinnert, heute aber hauptsächlich dem Militär dient) und sind auf den Mandalay Hill gefahren, um vor allem den Blick auf das Umland zu genießen. Auf dem Berg wurden wir gleich von einem der jungen Mönche begrüßt, die jeden Abend die 1729 Stufen erklimmen, um sich mit den Touristen zu unterhalten und ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Deutschland hat bei den Burmesen ein ziemlich gutes Image. Deshalb hat es uns auch nicht sonderlich überrascht, dass unser oranger Tourguide gutes Deutsch sprach.

Wirklich beeindruckt hat uns auf unserer Sightseeing Tour vor allem die Kuthodaw Pagode. 729 kleine weiße Stupas, von denen jede eine einzelne Marmorseite enthält. Zusammen bilden sie die 15 Bücher der Tripitaka – dem Pali Kanon bzw. den gesammelten Reden des Siddhartha Buddhas – und werden gern als das “größte Buch der Welt” bezeichnet. Es ist vielleicht nicht das umfangreichste Buch, aber bestimmt hat es die größte und vor allem schönste Buchhülle der Welt.

Für einen ganz netten Sightseeingtag hat es dann also doch gereicht in Mandalay. Viel länger wollten wir uns in der stickigen Stadt aber nicht aufhalten. Deshalb ging’s am nächsten Morgen gleich weiter in den Norden.

Pyin Oo Lwin – Blumen, Obst und Wasserfälle

Es sind nur knapp zwei Stunden Autofahrt von Mandalay bis Pyin Oo Lwin (gesprochen Pin U Lin), aber die Unterschiede könnten nicht größer sein. Die kleine Stadt war schon vor über 100 Jahren Erholungsort für die Briten. Als wir die Temperaturvorhersage mit 23 Grad gesehen haben, wollten wir es gar nicht glauben. Aber die gut 1.000 Meter Höhenlage machen das Städtchen tatsächlich zum perfekten Urlaubsort. Blumenstadt wird sie auch genannt. Nicht, weil die Stadt voller Blumenbeete ist (leider), sondern weil in und um Pyin Oo Lwin Blumen für den Weiterverkauf angepflanzt werden. Die größten Abnehmer sind wahrscheinlich die buddhistischen Tempelgänger. Denn Buddha hat seine Tempel am liebsten bunt.

Zur Nebensaison ist im Norden wirklich gar nichts los. Die wenigsten Touristen verirren sich zu dieser Zeit nördlicher als Mandalay und fahren gleich zum Inle See weiter. Unser Glück. Da wir fast die einzigen Gäste in unserem Hotel waren, durften wir die volle Aufmerksamkeit von 16 Angestellten genießen. Vor allem der selbsternannte Guest Relations Manager John hat sich geradezu überschlagen, um unseren Aufenthalt so toll wie möglich zu machen. Einen ganzen Tag wurden wir von ihm und einem Fahrer durch die Gegend gefahren und haben unglaublich viel gesehen. Und das alles kostenlos (der Hotelbesitzer hatte wohl einen großzügigen Tag und wir waren absolut nicht von 50$ Tourkosten zu überzeugen). Die koloniale Vergangenheit der Stadt war das Lieblingsthema unseres Guides, der sich als wandelndes Geschichtsbuch entpuppt hat. Es stehen einige beeindruckende Villen in der Stadt. Aber ähnlich wie in Yangon, sind die meisten verfallen oder zumindest in keinem gutem Zustand. Einzig der ehemalige Sitz der britischen Gouverneure wurde erst vor einigen Jahren komplett renoviert. Heute ist das Haus Luxushotel und Museum und hat sogar einen eigenen kleinen Weinberg.

Außerhalb der Stadt wird’s fruchtig. Der Norden ist für seine vielen Obstbauern bekannt. Deshalb gibt’s auch überall an den Straßen die süßesten Litschi, Drachenfrüchte, Ananas, Avocados und sogar leckere Durian (sagt Philipp, ich hab nach dem Durian Eis Trauma in Singapur aufgegeben, die Dinger zu probieren). Vorbei an zahllosen Plantagen und Reisfeldern sind wir zur Peik Chin Myaung Höhle gefahren. Ein total surrealer Ort. Durch einen kleinen Wasserfall kommt man in ein Höhlensystem, das hunderte Meter in den Fels hinein mit Buddhas gefüllt ist. Mönche haben die Höhlen über die Jahre mit immer mehr Buddhastatuen, kleinen Stupas und teils sehr kitschigen Figuren und Szenen gefüllt. Ein sehr merkwürdiger aber auch sehr schöner Ort.

Mein Highlight des Tages war ganz klar: die Kaffeeplantage. Ich hatte schon in Bagan gelesen, dass Myanmar Kaffee ein nicht mehr ganz so geheimer Geheimtipp auf dem Kaffeemarkt ist. Und in Pyin Oo Lwin schießen die Kaffeeplantagen wortwörtlich aus dem Boden. Zufällig hat unser Hotelbesitzer seine eigene Plantage. Also wurden wir dahin auch noch eingeladen. Nach einigen Tagen schlechtem Hotelkaffee waren die Kaffeespezialitäten in Pyin Oo Lwin das Paradies für mich. Sogar Philipp war bei einigen Mischungen nicht ganz abgeneigt. Obwohl in Myanmar selbst Tee immer noch das beliebteste Heißgetränk ist, wird Kaffee hier vor allem bei der jüngeren Generation immer beliebter.

Die Berge um Pyin Oo Lwin sind neben fruchtbaren Obst- und Kaffeeplantagen auch bekannt für die vielen Wasserfälle. Wir haben uns mit dem Roller auf den Weg zum größten gemacht – dem Dat Taw Giant Waterfall. Der Abstieg war, naja, rutschig und extrem steil. Der Aufstieg erwartungsgemäß anstrengend. Wir wollten aber nicht zu viel jammern, als wir die jungen Mädels gesehen haben, die mit einer selbstgebauten Sänfte inklusive Frau und Kind im Schlepptau an uns vorbei gesprintet sind (und das natürliches alles in Flip Flops, denn anderes Schuhwerk trägt man hier nicht). Der Weg wurde auf jeden Fall belohnt: mit einem atemberaubenden Ausblick auf die Berge und viele Wasserfälle, die ins Tal stürzen.

Das Gokteik Viadukt – 100 Jahre alte britische Baukunst

Eigentlich wollten wir von Pyin Oo Lwin aus weiter in den Norden fahren nach Hsipaw (Sipo). Und zwar mit dem Zug über die seinerzeit höchste Eisenbahnbrücke der Welt. Weil das aber unglaublich lange dauert (die Züge in Myanmar sind notorisch verspätet und so ziemlich die unbequemste Form des Reisens) und man von Hsipaw nur sehr umständlich weiter in den Süden kommt, haben wir uns mit einem Tagesausflug zur Brücke begnügt. Unser Guide John hatte eine kurze Fahrt von 45 Minuten angekündigt. Nach 2 Stunden über die abgelegensten Dörfer sind wir dann angekommen. Die Stahlkonstruktion liegt in einem wunderschönen Tal und ist wirklich beeindruckend. Aber sicher noch spektakulärer, wenn man mit dem Zug darüber fährt. Wenn man bedenkt, dass die Brücke seit 1903 steht, ist es auch ein bisschen beängstigend. Also vielleicht doch gut, dass wir nicht mit dem Zug gefahren sind.

Der Norden hat uns auf jeden Fall nicht nur mit seinem milden Klima und köstlichem Obst begeistert. Auch die Vielfalt der Menschen und Kulturen hier ist größer als im burmesisch geprägten Süden. Hinter Pyin Oo Lwin beginnt die Gegend der Shan, eine aus China stammende Minderheit. Viele Inder, die in der Kolonialzeit für die Briten gearbeitet haben, leben auch noch hier. Und Chinesen, die aus dem nahegelegenen Yunnan eingewandert sind. Noch mehr Vielfalt gibt’s am Inle See. Von dort melden wir uns als nächstes.