An der tiefsten Stelle gerade mal 5 Meter tief und von insgesamt 70.000 Menschen bewohnt – der Inle Lake im Osten Myanmars ist eigentlich eine große Pfütze. Eine sehr schöne Pfütze, malerisch gelegen zwischen den Bergen im Shan Gebiet, geprägt von vielen verschiedenen Minderheiten, die sich ausschließlich und sehr geschickt auf kleinen Booten zwischen ihren schwimmenden Gärten und auf Stelzen gebauten Häusern bewegen. Der Inle Lake ist weniger Naherholungsgebiet wie bei uns der Starnberger See, sondern als Lebensraum und Nahrungsquelle vollständig von den Menschen geprägt.

Schwimmende Dörfer und Gärten

Wie in einem asiatischen Venedig haben sich im und um den Inle Lake herum zahlreiche kleine Dörfer gebildet, deren Häuser im meist nur knietiefen Wasser gebaut sind. Die Menschen leben nicht nur auf dem See, sondern von allem, was er zu bieten hat. Die Männer fahren morgens mit ihren Booten raus zum Fischen. Ein echter Balanceakt: Die Fischer stehen mit einem Bein am hinteren Ende des Bootes und rudern mit dem anderen. Diese Akrobatik ist zum wohl beliebtesten Fotomotiv der Region geworden. Auf unseren Bootstouren über den See haben wir uns manchmal schon etwas gefühlt wie im Zoo, wenn 4 Boote mit Touristen um ein paar Fischer herumschunkeln und Fotos geknipst werden.

Neben der Fischerei spielt vor allem der Anbau von Tomaten eine große Rolle. Die Pflanzen schwimmen an Bambusstöcken im Wasser und werden vom Boot aus bewirtschaftet. Naheliegend, dass ein typisches Gericht hier Tomatensalat ist. Vorzugsweise zubereitet mit grünen Tomaten. Bei einem kleinen gemeinsamen Kochabend mit unserer unglaublich lieben Hotelmama (sie hat sich wirklich um uns gekümmert wie eine Ersatzmama), haben wir zusammen einen grünen Tomatensalat zubereitet. Sie hat mir erklärt, dass die grünen Tomaten keine besondere Sorte sind, sondern einfach unreife Früchte. Sie werden geerntet kurz bevor sie sich rot färben. Der Salat schmeckt wirklich prima, was aber wohl eher an den Gewürzen und Zwiebeln liegt. Denn grüne Tomaten schmecken erwartungsgemäß nach nichts.

Auf unserer ersten Tagestour über den See hat uns unser Bootsführer auch zu einigen der vielen Handwerksbetriebe gebracht, die typisch für die Region sind. Bootsmacher, Weber, Silberschmiede und Töpfereien sind die verbreitetsten Handwerke in der Region. Bei einem Besuch bekommt man in kleinen Show-Werkstätten die Arbeit erklärt und sollte nach Möglichkeit natürlich ein kleines Souvenir kaufen. Diese Besichtigungen sind ziemlich touristisch, aber trotzdem interessant. Die jeweiligen Guides freuen sich über jede Frage und Interesse an ihrer Arbeit. Faszinierend fand ich vor allem die Webereien. Dort werden überwiegend Baumwolle und Seide verarbeitet. Aber auch – und das ist einzigartig am Inle Lake – Lotusfäden. Die Stengel der Lotuspflanzen, die auf dem See angebaut werden, werden aufgebrochen und die klebrigen Fäden vorsichtig herausgezogen und gesammelt. Eine wahnsinnig aufwendige Handarbeit. Gebündelt ergibt das einen Faden, der sich ein bisschen anfühlt wie grobes Leinen. Die Frauen verarbeiten die Fäden dann an manuellen Webstühlen weiter. Das Endprodukt – reine Lotusstoffe oder Seiden- Lotusgemische – fühlen sich richtig toll an und ergeben wunderschöne Tücher und Röcke.

Auf dem See haben sich die unterschiedlichsten Volksgruppen angesiedelt: Intha, Shan, Taungyo, Pa-O, Danu, Kayha, Danaw, Bamar. Besonders auffällig sind die Padaung. Die Frauen der Padaung tragen eine besondere Last: kiloschwere Messingringe, die sie mit dem 5. Lebensjahr um Hals und Beine gelegt bekommen und nicht einmal zum Schlafen abnehmen. Die Frau auf dem Foto ist 66 Jahre alt und trug 24 Ringe auf den Schultern. Das sind insgesamt ungefähr 10 Kilo. Seit 61 Jahren. Die Last soll die Frauen nicht etwa am Weglaufen hindern, sondern ist ein Schönheitsmerkmal. Angeblich soll der länger wirkende Hals an einen Drachen erinnern, der Stärke symbolisiert. Die brauchen sie auch, ich konnte die Hals- und Beinringe kaum halten.

Von Menschen gemacht, von Menschen zerstört

Insgesamt haben wir drei Tagestouren mit dem Boot gemacht. Die anfängliche Faszination über das Leben auf dem Wasser ist dabei immer mehr Fragen gewichen: Wohin fließen die Abwässer aus den Häusern und vielen Restaurants? Waren die vielen zugewachsenen Kanäle um die Dörfer schon immer da? Wie beeinflusst der stark wachsende Tourismus die Region? Und warum muss man seinen Müll in das Wasser werfen, aus dem man auch seine Nahrung bezieht? Die Antworten sind leider sehr ernüchternd. Ein Abwassersystem gibt es nicht. Auch keine richtige Müllabfuhr. Es geht also alles direkt in den See, der zusätzlich als Waschmaschine und Badewanne dient. Gedämpften Seefisch haben wir gleich mal von der Karte gestrichen. Dazu kommen Pestizide vom Gemüse- und Reisanbau und giftige Stoffe, die aus dem unkontrollierten Silberabbau aus den umliegenden Bergen in den See fließen. Viele Wasserwege sind mittlerweile zugewachsen, was zum einen daran liegt, dass Seegras und andere Wasserpflanzen wie Unkraut wachsen. Dazu kommt, dass die schwimmenden Gärten sich mit der Zeit verdichten und so den See schrumpfen lassen. Bis heute hat der Inle See über 30% seiner ursprünglichen Fläche verloren. Eine ziemlich traurige Bilanz für diese einzigartige Gegend.

Wie extrem das Leben der Menschen den See beeinflusst, ist uns besonders bei einer Bootstour zum Sakhar See aufgefallen, der sich über einige Wasserwege direkt an den Inle Lake anschließt. Viele Touristen bleiben nur wenige Tage am Inle Lake und kommen deshalb nicht hierher. Dabei lohnt sich der Weg, der von Reisfeldern, Bambuswäldern und winzigen Dörfern gesäumt ist. Schon am viel klareren Wasser sieht man, dass hier weniger Menschen leben. Ein wirklich lohnenswerter Ausflug, bei dem wir eine kleine Vorstellung davon bekommen haben, wie das Leben auf den Seen vor dem Tourismus und Plastikmüll aussah.

Der Inle Lake ist nur durch die hier lebenden Menschen zu dem besonderen Ort geworden, der er ist. Und durch sie wird er wahrscheinlich auch zerstört. Die Regierung wird sich nur sehr langsam ihrer Verantwortung bewusst und wirkliche Projekte zum Umweltschutz gibt es noch nicht (aber so langsam finden Vorschläge von internationalen Organisationen Gehör). Der Tourismus in Myanmar kommt erst richtig in Gang und wird auch nicht zum Erhalt dieser einzigartigen Region beitragen. Deshalb verlassen wir Nyaungshwe mit etwas gemischten Gefühlen. Beeindruckt von der ungewöhnlichen Lebensweise der Menschen und froh, diese wunderschöne Gegend erlebt zu haben. Aber auch ein wenig nachdenklich, wie wir als Touristen vermeiden können, die Natur und das Leben der Menschen hier negativ zu beeinflussen.

သြားမယ္ေနာ္။ Myanmar

Der Inle Lake war unsere letzte Station in Myanmar. Wir sind eine ganze Woche hier geblieben. Einmal, weil es unglaublich viel zu entdecken gibt. Außerdem hatten wir mal wieder eine wunderbare Unterkunft mit wahnsinnig freundlichen Menschen. Die ehrliche Gastfreundschaft in Myanmar hat uns sehr berührt. Die Menschen haben immer großes Interesse gezeigt, uns ihr Land und ihre Kultur zu zeigen. Jeder, dem wir begegnet sind, hat sich größte Mühe gegeben, damit wir uns wohlfühlen und eine tolle Zeit haben. Und das ganz und gar nicht in aufdringlicher ich-will-dir-was-verkaufen-Manier. Manchmal haben wir uns schon ganz schlecht gefühlt, weil viele sich geweigert haben, etwas für ihre Leistungen anzunehmen. In unserem Hotel in Nyaungshwe am Inle Lake zum Beispiel wurden wir gleich zwei Mal zum Abendessen eingeladen. Einmal, weil sowieso gerade Spendentag für die umliegenden Klöster war und eine Menge Curry gekocht wurde. Und einmal, weil mir unsere Gastgeberin unbedingt ein paar typische burmesiche Gerichte beibringen wollte.

Wir werden das Land und seine Menschen wirklich vermissen und können nur jedem wärmstens ans Herz legen, Myanmar in seiner nächsten Reiseplanung zu berücksichtigen. Das Land hat uns durch und durch positiv überrascht. Es ist eine landschaftliche und kulturelle Schatzkiste und wir sind froh, dass diese sich in den letzten Jahren für Ausländer geöffnet hat. Unsere letzte Nachtbusfahrt zurück nach Yangon haben wir trotz Panne auch schon überstanden. Jetzt geht es über Singapur weiter nach Sumatra, Java und Bali und damit liegen mehr als drei Wochen Indonesien vor uns.